Alles Yelp – oder was?!

Kommentar zum Urteil des BGH vom 14.1.2020 – BGH VI ZR 495/18

Autor: Rechtsanwalt Christian Zahnow, LL.M.

21. Juli 2020 – Man stelle sich einmal folgende Situation vor: Bäckermeister M führt eine Zufriedenheits-Umfrage bei seinen Kunden durch. Auf insgesamt 600 Postkarten erhält er ihre Urteile. M ist sehr zufrieden. 599 haben ihn positiv bewertet, nur 1 Kunde hat eine schlechte Bewertung abgegeben. Bäckerlehrling L macht nun folgenden Vorschlag: „Meister, vergrößere doch die Postkarte mit der negativen Bewertung einfach um das 30-fache und häng sie dann mitten in unser Schaufenster, umrandet von den anderen 599 positiven Bewertungen.“ Der Meister entgegnet: „Aber warum soll ich denn das tun? Warum soll ich ausgerechnet die einzige negative Bewertung 30-fach vergrößern und auch noch in die Mitte unseres Schaufenster hängen, so dass sie jedem Kunden sofort als erstes auffällt?!“

Die Geschichte wäre in der analogen Welt hier zu Ende. In der digitalen Welt ist sie seit Anfang des Jahres höchstrichterliche Rechtsprechung – mir der einzigen Ausnahme, dass L kein Bäckerlehrling, sondern der Algorithmus eines Bewertungsportals ist.
In seiner Entscheidung VI ZR 495/18 vom 14.1.2020 hat der Bundesgerichtshof klargestellt, dass sich ein Fitness-Studio, das bei Yelp 74 Beiträge mit überwiegend 4 oder 5 Sterne-Bewertungen (bei max. 5 Sternen) und 2 Beiträge mit 2,5 Sternen erhalten hat, nicht dagegen wehren kann, wenn der Algorithmus dieses Online-Portals sich (aus welchen Gründen auch immer) dazu entschließt, ausgerechnet diese beiden Beiträge mit 2,5 Sternen dem interessierten Fitness-Fan gleichsam als erstes unter die Nase zu reiben.

Einmal abgesehen davon, dass man jetzt nicht einmal mehr ein Argument dafür braucht, unliebsame Konkurrenten aus dem Feld zu räumen („das hat der Algorithmus so entschieden und da fragt der BGH dann auch nicht weiter nach“) stellt sich die Frage, welchen Nutzen es der Menschheit bringt, wenn von nun an Maschinen darüber entscheiden, was wichtig ist und was nicht.

Der BGH liebt die Freiheit des Internets und wir können dankbar dafür sein, dass wir in einem freien Rechtsstaat leben – keine Frage. Aber vielleicht geht diese Liebe mittlerweile ein wenig zu weit. Ein Algorithmus ist nicht unantastbar. Er ist ein Rechenvorgang, der nach einem bestimmten Schema abläuft und greift dabei auf Daten zurück, mit denen er zuvor von Menschen „gefüttert“ wurde. Und diese Menschen haben dem Algorithmus auch beigebracht, wie er die Daten gewichten soll. Wenn sein Ergebnis am Ende lautet, dass er von mehreren dutzend 4 oder 5 Sterne-Bewertungen ausgerechnet zwei Beiträge, die gerade einmal eine 2,5 Sterne-Bewertung enthalten, in den Fokus der Betrachter rücken möchte, dann muss man dies hinterfragen dürfen. Am Ende darf es in der rechtlichen Bewertung keinen Unterschied machen, ob ein Mensch diese Entscheidung getroffen hat, oder ein Algorithmus sie „ausgespuckt“ hat – die Betroffenen sollten in beiden Fällen gleichermaßen geschützt sein.

 

© FIDELITAS 2020, Foto: Shutterstock

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